Das Partizipative Web 0.0
Falsch ist: das partizipative Netz ist nicht fast ein halbes Jahrzehnt alt.
Die erste größere Welle in der Menschen im Netz partizipierten am Informationsausausch begann mit den Foren und diese gehen eineindeutig auf das Jahr 2000 und früher zurück. Die Wikipedia wurde im Januar 2001 gegründet. Und wie mein letzter Beitrag zeigte, gab es bereits 2000 eine Weblog-Community, die 2001 deutlich größer wurde und die 2002 noch einmal einen Schub erfuhr. Ende 2007 darf man also von etwas über einem halben Jahrzehnt sprechen oder nimmt man die Foren dazu von deutlich über einem Jahrzent.
Falsch ist: eine Rolle in der allgemeinen Informationsbildung übernehmen wollen.
Wollen? Es ist eine Tatsache, dass diese eine Rolle übernommen haben. Ein guter Teil der Journalisten nennt eine gutsortierte Blogroll sein eigenen und screent Blogfeeds regelmäßig für Pressebeiträge. Es ist eine günstige Quelle und so ein Remix von zwei, drei Blogartikeln ist schnell geschrieben. Schließlich ist Zeit Geld. Soweit ich informiert bin, ist echter investigativer Journalismus ein Luxus, denn sich nur noch wenige Dienste und Verlage leisten. Hinzukommt, sofern man ein paar schwarzen Schafen des Journalismus glauben schenkt, die den Zeitungsverlagen abtrünnig geworden sind und Bücher schrieben, dass allzu investigativer Journalismus, Geschichten aufdeckt, die Verlage und Sendeanstalten aus reiner Selbsterhaltung nicht drucken und senden können. Hinter jedem Thema öffentlichen Interesses steht ein Mensch mit Macht, ob es die Minister sind, die Termine gewähren oder nicht oder eine Unternehmensleitung, die Werbeetats vergibt oder nicht oder ob es ein Promi ist, der Zutritt gewährt oder nicht. Die vierte Staatsgewalt ist eine zahme schnurrende Katze, die nur all zu häufig seine Krallen für sich behält.

Die Gewaltenteilung in unserer Gesellschaft ist leider durch das Streben zum absoluten Kapitalismus in einem maroden Zustand. Die vierte Staatsgewalt, die einst die Wächterfunktion (Custodes) übernahmen, sind gefügige Puppets und stricken fleißig an der Propaganda. Die eigene Agenda, mangelnder Idealismus, mangelhafte Quellen und wirtschaftliche Zwänge ergeben ein diffuses Bild. Die unparteiischen Wächter jedoch in der Medienlandschaft zu finden, ist eine Expedition der besonderen Art und erfordert echten investigativen Journalismus (siehe Chomsky1: Manufacturing Consent und Movie Avi ). Den "Bürgerjournalisten" die Rolle der Wächter zuzuschreiben, ist allerdings ebenfalls gewagt. Auch wenn Schwarmintelligenz und vereinzelte "Bürgerjounalisten" hier und da erfolgreich eine Wächterrolle ausübten, so wäre es zur aktuellen Stunde noch vermessen, sich generell auf die Macht des Schwarmes zu verlassen oder dass sich schon irgendwo ein mutiger, glaubwürder "Bürgerjournalist" mit Publikumswirkung findet und die Welt heile macht. Nichts desto trotz entsteht mit dem partizitiven Web eine fünfte Macht.
Falsch ist: Ja, wir müssen uns die Kräfte des freien Meinungsmarktes als äußerst destruktiv vorstellen.
Nur weil die fünfte digitale Macht nicht so tickt wie man sich das vorstellt, ist dies längst noch nicht destruktiv. Nur weil einem etwas Spott um die Ohren fliegt, heißt das nicht, dass der Spott nicht ehrlich verdient wurde. Und im partizitiven Web schreiben sehr viele unter eigenem Namen mit einer zustellbaren Adresse im Impressum. Andererseits benötigt man hier und da heute auch etwas Anonymität. Satiriker müssen deftige Schläge einstecken können und nicht selten gewinnt nicht das Recht zur Satire sondern der dicke Geldbeutel.
Unqualifiziert ist:Strikt selbstorganisierend - womit vornehm umschrieben ist, dass Geschwätz keine Organisation benötigt. Genauso gut könnte man allerdings einem Fliegenschwarm guten Geschmack unterstellen.
Mir scheint der Autor hat wenig Lust sich mit Schwarmintelligenz auseinanderzusetzen und polemisiert munter mit der Umschreibung des geflügelten Wortes Nur weil Milliarden Fliegen Scheiße fressen, ist es noch lang kein Nahrungsmittel!
. Es ist eine Frage der Perspektive. Aus Sicht der Fliege wird es kaum einen schöneren Duft geben, der gute Nahrung bietet. Was die Schwarmintelligenz anbelangt, so wird der eigentliche Schwarm noch stark von den Medien geführt. Diese wirken nach meinem Dafürhalten meinungs- und geschmacksbildend und ich nehme in diesem Fall nicht die Perspektive der Fliege ein, wenn ich sage, dass der derart gebildete Geschmack scheiße ist. Das publikationsstärkste Blatt wird dabei auch aus den eigenen Reihen heftig gerügt. Es wird nicht einfach sein, sich aus den Krallen einer manipulativen Medienlandschaft zu befreien und Schwarmintelligenz sichtbar zu machen, so dass der Schwarm überhaupt ein Gegengewicht bilden kann.
Tragisch ist: Die Opferseite internetvictims.de (Oha. Einschub: Siehe zu dieser Seite den Beitrag von Herrn Knüwer "Samariterdefinition ..." oder: mach mich zum Vicitim, Süßer!) listet im Netz-Rauschen ein Panoptikum an Rufschädigungen, Beleidigungen, Verleumdungen und übler Nachrede auf.
Die keiner bestreitet. Doch ebenso tragisch ist der Einbruch. Tragisch ist Opfer einer Straftat zu werden, sei es bei Straßenraub, durch Körperverletzung, Verkehrsübertretung mit Personenschaden und üblicher übler Nachrede in den uralten Verkehrswegen der Tratscher&Ratscher, die es schon immer gab und immer geben wird. Dies ist deswegen immer noch keine Aussage über die Gesamtgesellschaft und Entwicklung des partizipativen Webs. Ebensogut gibt es hinreichend Beispiele, bei denen das Recht vergewaltigt und missbraucht wird und der moderne Beutelabschneider den klimpernden Beutel des ahnungslosen Passanten ruchlos mit der Hilfe des Rechtsanwaltes abschneidet. Zwei unfeine Randerscheinungen, die im Netz schriftlichen und archivierbaren Ausdruck fanden.
Lahm ist: Wollen wir diesen Aufstand der Konsumenten mit der Aufdeckung des Watergate-Skandals vergleichen?
Die gröbsten politischen Schnitzer und Skandale können wir 50 Jahre später in den Geschichtsbüchern und Dokumentarfilmen wiederfinden, wenn die offiziellen Dokumente, die unglaublichen Ereignisse ans Tageslicht zerren. Wieviele Watergates kann die Presse schon aufwarten. Nach Watergate fängt auch hier Ottonormalbürger an sich den Kopf zu kratzen. Und Blogger haben zumindest in Amerika schon an der Aufdeckung eines politischen Skandals mitgewirkt. Mein Problem nur, ich zollte dem Ereignis soviel Aufmerksamkeit wir die jüngsten Ereignissen des Enthüllungsjournalismus. Ich kann die Quelle nicht mehr benennen. Eventuell ist es ja hier dabei Crowdsourcing a Reply: Has Blogging Lived Up to The Hype?. Als der Watergate-Skandal verfilmt wurde, existierte die Filmindustrie schon fast 100 Jahre und die Presse noch deutlich länger. Das partizipative Web ist noch jung. Warten wir es doch noch etwas ab. Irgendwann wird auch der Boggerheld geboren werden, der ein korruptes Politisches System entlarvt und über den dann 10 Jahre später die Filmindustrie einen Kinokassenschlager filmt, so dass man nur das Stichwort fallen lassen muss und jeder weiß Bescheid.
Stereotyp und polemisch ist: Warum aber sollten Menschen, die lediglich neue technische Möglichkeiten nutzen, etwa um ihre Poesie-Alben zu veröffentlichen oder um ihrer Trauer über kaputte Computer Ausdruck zu verleihen, warum sollten diese Menschen Produktionsbedingungen für Medien diktieren und Meinungsführerschaft beanspruchen?
A) Beanspruchen die Poesiealbumschreiber keine Meinungsführerschaft. Die haben mit den Pressefuzzis und der Abklassifizierung als "dilletantische Bürgerjounalisten" als Kult-Amateure
nichts am Hut. Nur weil die Poesiealbumschreiber Blogsoftware nutzen und für jeden zugänglich schreiben, heißt das nicht, dass diese irgendeine Meinungsführerschaft übernehmen wollen. Und so wie das Rezeptzeitschriften wie "Kochen & Genießen" keine Watergate-Enthüllungen liefern.
B) Finden sich unter den Wikipedianern ebenso wie unter den Bloggern qualifizierte Autoren, die die Auszeichnung Experten mit Fug und Recht verdienen. Dass in der Wikipedia dennoch einige Artikel nicht einmal Mittelmap erreichen, einige Blogger sich als fälschlich für Experten halten ist so wahr, wie die Bildzeitung ein Teil des Jounalismus ist.
So what!? Muss man deswegen das partizipative Web in Grund und Boden schreiben und Birnen mit Äpfeln vergleich und damit unter anderem Inkompetenz in Bezug auf objektiven Journalismus demonstrieren? Ich mein ja nur ...
Berechtigt ist: Was aber wiegt dann mehr? Dass das immer elitäre Denken der Mainstream-Medien im Zweifel undemokratisch ist? Oder, dass daraus Qualität entsteht?
Eine berechtigte Frage! Ich bin überzeugt es gibt exzellente Journalisten, Artikel und herausragende Presseerzeugnisse, ebenso wie es exzellente partizipative Webbeiträge und partizipative Webstandorte gibt. So wie ich überzeugt bin, dass Qualität ein immer selteneres Gut ist und Qualität im Auge des Betrachters existiert und stark mit den Rahmenbedingen und Motiven variiert.
Mein Fazit ist: Wenn die SZ (öhm ... Name des Autors? Hä Anonymität!) schreibt, [...] sie [die Qualitätszeitung] dafür gelobt, dass sie zwar langsamer als das Internet auf Ereignisse reagieren kann, dafür aber fundierter.
dann soll ihr auch erwähnt sein, dass die Qualtiäts-Internetpublikation neben dem langsamen Reagieren nach gründlicher Recherche zusätzlich noch das Nachbessern bei Irrtum beherrscht. Wenn die SZ fragt, Aber sollen wir uns deshalb von jeder Idiotie in die Zukunft führen lassen?
dann kann ich nur Antworten: Nein. Und schließe damit ausdrücklich polemische, anonyme Artikel wie diesen von der SZ ein.
Und damit ziehe ich mich für eine ganze Weile aus dem Kommentieren dieser Pressekommentare zum partizipativen Web zurück. Es ist doch immer wieder der gleiche Rant. via basicthinking
[Nachtrag 12-12-2007]
Eine Tüte Mitleid ist: (FAZ: Immer schön sachlich bleiben) Man – das heißt hier allerdings noch immer: ein paar Dutzend Leute, die im Verhältnis zu den Millionen von Nutzern einzelner Websites von Zeitungen, Zeitschriften, Rundfunk- und Fernsehanstalten noch nicht als neue Öffentlichkeit ins Gewicht fallen. Die präpotente Rede davon, „das Internet“ wehre sich gegen die älteren Medien, ist jedenfalls auch dann stark übertrieben, wenn man von der Minderheit derjenigen Kommentare auf den SZ-Internetseiten absieht, die eine stärkere Qualitätskontrolle bei elektronischen Leserbriefen begrüßt.
Das Partizipative Web 0.0 sprach von Blogs und Wikis und nicht von elektronischen Leserbriefen. Niggemeiers Prozess ist auch kein Problem mit den Kommentatoren, sondern mit einem Unternehmen, dass überzogen reagiert und durch seine Reaktion erst ein Problem schafft, wo keines ist. Die Moderation der Kommentare ist eine individuelle Entscheidung, die jeder selbst treffen sollte. Das Internet bietet den asynchronen Dialog, wo einer schläft und ein anderer einen Kommentar schreibt. Und nur weil ein paar dutzend namentlich bekannte Blogger sich herabließen und die Lamentei kommentierte, ist das noch lange keine Angabe zur Quantität des namentlich bekannten "patizipativen Web". Mein herzliches Beileid zum gefühlten partizipativen Web (=elektronischen Leserbriefschreibern in den Kommentaren zu Onlinezeitungsberichten), das sicherlich in Teilen viel Arbeit macht und recht lästig sein kann. Wenn man darüber Klagen will, bitte. Es wäre nett, das restliche partizipative Web außen vor zu lassen, zumindest würde es von Qualitätsjournalismus zeugen, wenn man hier die Perspektive behalten kann.
-Stichworte: Bürgerjournalismus, Expertentum, fünfte-Staatsgewalt, Medien, Objektivitaet, Onlinepublikationen, partizipatives-Web, Polemik, Presse, Qualtitaet, Quellenkritik, vierte-Staatsgewalt, Web2.0
-Stichworte: Bürgerjournalismus, Expertentum, fünfte-Staatsgewalt, Medien, Objektivitaet, Onlinepublikationen, partizipatives-Web, Polemik, Presse, Qualtitaet, Quellenkritik, vierte-Staatsgewalt, Web2.0




Konterpropaganda 


December 8th, 2007 08:26
Ich hätte mir jetzt nicht so viel Arbeit für solch einen Presseblödsinn gemacht. Die SZ glänzt schlicht mit bornierter Ignoranz und erspart sich billigerweise nennenswerte Sachkenntnis. Das entlarvt sich doch selbst, diese Art von … “Qualitätsjournalismus”.
December 8th, 2007 08:55
Ich habe den Artikel in feinster Managermanier quergelesen und die meisten Quellen und Referenzen aus meinen persönlichen Reservoir auf Basis langjähriger Aktivitäten im Internet geschöpft. Zwischendurch habe ich dasselbe wie Du gedacht … der Aufwand ist angesichts des präsentierten “Qualitätsjournalismus” nicht keine Zeile Wert.
Ich weiß es. Du weißt es. Die meisten Blogger wissen es. Teil des Allgemeinwissens ist es damit nicht. Trotz etlicher abstruser Behauptungen in dem Beitrag der SZ, kann man davon ausgehen, dass es zur allgemeinen Haltung gegenüber Bloggern beiträgt. Defacto haben meine Freunde aus der Offlinewelt, die keine Blogs (auch nicht meines) lesen, mir schon vergleichbare Vorurteile um die Ohren geschlagen.
Ein wenig und ab und zu Gegenöffentlichkeit zu produzieren kann also nicht schaden. Ich habe die letzten 10 der letzten zwei Jahre, glaube ich, unkommentiert vorbeiziehen lassen.
Es war an der Zeit, dass ich ein wenig Gegenmeinung und Korrektur gönnte.
December 12th, 2007 21:33
[...] auch: Das Partizipative Web 0.0 hier auf Silkester.de Journalismus, Journalisten vs Blogger, partizipatives Web, Wikipedia [...]